Christian Morgenstern

Zur Geburt

Du magst dich drehn und wenden, wie du willst, du wirst erkannt und das ist dein Gericht, und wenn nur einer dich erkennt – genug. So mancher sieht sich vor sein Leben lang, verwischt die Spur, verschleiert Wort und Blick, allein, du bist nur immer Einer, Mensch, dein Kleines liegt nicht hier, dein Großes dort, …

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Wer denn?

Ich gehe tausend Jahre um einen kleinen Teich, und jedes meiner Haare bleibt sich im Wesen gleich, im Wesen wie im Guten, das ist doch alles eins; so mag uns Gott behuten in dieser Welt des Scheins!

Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen, so dass man fast drauf gehen kann, und kommt ein grosser Fisch geschwommen, so stösst er mit der Nase an. Und nimmst du einen Kieselstein und wirfst ihn drauf, so macht es klirr und titscher – titscher – titscher – dirr… Heißa, du lustiger Kieselstein! Er zwitschert wie ein …

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Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt tranken Sekt. Sie stießen aufs Futurum an (was man wohl gelten lassen kann). Pluquamper und Exaktfutur blinzten nur.

Lied

Wenn so der erste feine Staub des Sommers auf die Blätter fällt – dann ade, du Frühlingswelt! Dann ade, du junges Laub! – Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle! Wenn erst das Auge sich versöhnt mit all dem Grün und Weiß und Rot, da beginnt des Frühlings Tod, da versommern wir verwöhnt… Ach, wie sterben …

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Galgenberg

Blödem Volke unverständlich treiben wir des Lebens Spiel. Gerade das, was unabwendlich, fruchtet unserm Spott als Ziel. Magst es Kinder-Rache nennen an des Daseins tiefem Ernst; wirst das Leben besser kennen, wenn du uns verstehen lernst.

Die Unterhose

Heilig ist die Unterhose, wenn sie sich in Sonn und Wind, frei von ihrem Alltagslose, auf ihr wahres Selbst besinnt. Fröhlich ledig der Blamage steter Souterränität, wirkt am Seil sie als Staffage, wie ein Segel leicht gebläht. Keinen Tropus ihr zum Ruhme spart des Malers Kompetenz, preist sie seine treuste Blume Sommer, Winter, Herbst und …

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Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht. Durch ihres Rumpfes verengten Schacht fließt weißes Mondlicht still und heiter auf ihren Waldweg u.s. w.

Die beiden Flaschen

Zwei Flaschen stehn auf einer Bank, die eine dick, die andre schlank. Sie möchten gerne heiraten. Doch wer soll ihnen beiraten? Mit ihrem Doppel-Auge leiden sie auf zum blauen Firmament… Doch niemand kommt herabgerennt und kopuliert die beiden.

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn: Bitte, beuge mich! Der Dorfschulmeister stieg hinauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf, der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten: „Der Werwolf“ — sprach der gute Mann, „des Weswolfs“, Genitiv sodann, „dem Wemwolf“, …

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Der Vergeß

Er war voll Bildungshung, indes, soviel er las und Wissen aß, er blieb zugleich ein Unverbeß, ein Unver, sag ich, als Vergeß; ein Sieb aus Glas, ein Netz aus Gras, ein Vielfreß – doch kein Haltefraß?

Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, auf dass er sich ein Opfer fasse -und stürzt alsbald mit großem Grimm auf einen Menschen namens Schrimm. Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!“ und hat ihn drauf bis Montag früh.

Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar des Abends noch wie Kohle war, betrübte sich so höllenheiß, weil seine Dame Flügel spielte, trotzdem er heulte: dass (o Preis dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!) er beim Gekräh der Morgenhähne aufstand als wie ein hoher Greis – mit einer silberweißen Mähne.

Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein mit braunen Kuchenherzlein und Glitzergold und Äpflein fein und vielen bunten Kerzlein: Das war am Weihnachtsfest so grün als fing es eben an zu blühn. Doch nach nicht gar zu langer Zeit, da stands im Garten unten, und seine ganze Herrlichkeit war, ach, dahingeschwunden. die grünen Nadeln warn’n verdorrt, die …

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Das Wasser

Ohne Wort, ohne Wort rinnt das Wasser immer fort andernfalls, andernfalls spräch es doch nichts andres als: Bier und Brot, lieb und Treu, – und das wäre auch nicht neu. Dieses zeigt, dieses zeigt, dass das Wasser besser schweigt.

Das Problem

Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem und sprach: „Ich heiße unbequem. Als hieß ich etwa Drei-Vier statt Sieben – Gott verzeih mir!“ Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt sich von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.

Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet einher das Nasobem, von seinem Kind begleitet. Es steht noch nicht im Brehm. Es steht noch nicht im Meyer. Und auch im Brockhaus nicht. Es trat aus meiner Leyer zum ersten Mal ans Licht. Auf seinen Nasen schreitet (wie schon gesagt) seitdem, von seinem Kind begleitet, einher das Nasobem