Conrad Ferdinand Meyer

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend Die tiefblaue Bucht! Zwei Segel sich schwellend Zu ruhiger Flucht! Wie eins in den Winden Sich wölbt und bewegt, Wird auch das Empfinden Des andern erregt. Begehrt eins zu hasten, Das andre geht schnell, Verlangt eins zu rasten, Ruht auch sein Gesell.

Weihnacht in Ajaccio

Reife Goldorangen fallen sahn wir heute, Myrte blühte, Eidechs glitt entlang der Mauer, die von Sonne glühte. Uns zu Häupten neben einem morschen Laube flog ein Falter – Keine herbe Grenze scheidet Jugend hier und Alter. Eh das welke Blatt verweht ist, wird die Knospe neu geboren – Eine liebliche Verwirrung, schwebt der Zug der …

Weihnacht in Ajaccio Weiterlesen »

Hochzeitslied

Aus der Eltern Macht und Haus Tritt die züchtige Braut heraus An des Lebens Scheide – Geh und lieb und leide! Freigesprochen, unterjocht, Wie der junge Busen pocht Im Gewand von Seide – Geh und lieb und leide! Frommer Augen helle Lust Überstrahlt an voller Brust Blitzendes Geschmeide – Geh und lieb und leide! Merke …

Hochzeitslied Weiterlesen »

Der verwundete Baum

Sie haben mit dem Beile dich zerschnitten, Die Frevler – hast du viel dabei gelitten? Ich selber habe sorglich dich verbunden Und traue: Junger Baum, du wirst gesunden! Auch ich erlitt zu schier derselben Stunde Von schärferm Messer eine tiefre Wunde. Zu untersuchen komm ich deine täglich, Und meine fühl ich brennen unerträglich. Du saugest …

Der verwundete Baum Weiterlesen »

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt er voll der Marmorschale Rund, die, sich verschleiernd, überfließt in einer zweiten Schale Grund; die zweite gibt, sie wird zu reich, der dritten wallend ihre Flut, und jede nimmt und gibt zugleich und strömt und ruht…