Emanuel Geibel

Versuchung

Trau‘ dir selber nicht allzuviel Und wend‘ auf deinem Gange, Wende das Haupt auch nicht zum Spiel Nach der Sünde, der Schlange! Ihr Auge dunkel wie die Nacht Versteht so reizend zu blicken; Du weißt es, daß sie dich elend macht, Und lässest dich doch bestricken.

Unruhe

An Wunden, schweren, Langsam verbluten, In heimlichen Gluten Still sich verzehren, Täglich voll Reue Den Wahnsinn verschwören, Täglich aufs neue Sich wieder betören, Ewig zum Meiden Die Schritte wenden, Und doch nicht scheiden – O Lieb‘, o Leiden Wann wirst du enden!

Ostermorgen

Die Lerche stieg am Ostermorgen Empor ins klarste Luftgebiet Und schmettert‘, hoch im Blau verborgen, Ein freudig Auferstehungslied, Und wie sie schmetterte, da klangen Es tausend Stimmen nach im Feld: Wach auf, das Alte ist vergangen, Wach auf, du froh verjüngte Welt! Wacht auf und rauscht durchs Tal, ihr Bronnen, Und lobt den Herrn mit …

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Für Musik

Nun die Schatten dunkeln, Stern an Stern erwacht; Welch ein Hauch der Sehnsucht Flutet in die Nacht. Durch das Meer der Träume Steuert ohne Ruh, Steuert meine Seele Deiner Seele zu.

Nach des Siechtums langer Plage

Nach des Siechtums langer Plage Endlich diese lichten Tage, Blauer Himmel, stiller See; Rebenduft in sonn’gen Lüften, Tannen über schwarzen Klüften, Und von fern der Gletscher Schnee! Ach, da kommt noch einmal wieder Innig Wohlsein auf mich nieder, Und im warmen Born der Lieder Löst sich auch das letzte Weh.

Letzte Sühne

Meiner Jugend Liebe du, Bild voll Lust und Schmerzen, Gehst du wieder auf in Ruh Ueber meinem Herzen? Ach nicht ewig kann die Brust Schuld um Schuld ermessen, Eins nur ist mir noch bewußt, Daß ich dich besessen. Die mit ihrem finstern Wahn Mein Gemüth verschattet, Jeder Groll ist abgethan, Jeder Gram bestattet. Lächelnd, wie …

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Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Gebärden, Und streut er Eis und Schnee umher, Es muß d o c h Frühling werden. Und drängen die Nebel noch so dicht Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Blast nur ihr Stürme, blast mit …

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Herbstlich sonnige Tage

Herbstlich sonnige Tage, mir beschieden zur Lust, euch mit leiserem Schlage grüßt die atmende Brust. O wie waltet die Stunde nun in seliger Ruh’! Jede schmerzende Wunde schließet leise sich zu. Nur zu rasten, zu lieben, still an sich selber zu baun, fühlt sich die Seele getrieben und mit Liebe zu schaun. Jedem leisen Verfärben …

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Gute Stunde

Wie ward es tief in mir so stille! Der Tage Wandeln rührt mich kaum. Der Lärm der Zeit, der Menschen Wille Geht mir vorüber wie ein Traum. Doch drinnen ist es warm und helle, Es lauscht die Seele ungestört In sich hinein, daß sie die Welle Des eignen Wohllauts fluten hört. Als wie aus Flammen …

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Frühlingsbrausen

Nun knospt in Sonnenschein Das erste Grün der Halde; Nun lasset ganz allein Dahin mich gehn im Walde! Ich will am frühen Duft Der Veilchen mich berauschen, Dem Brausen in der Luft, Dem heil’gen, will ich lauschen. O Laut, in welchem sich Zuerst der Lenz enthüllet, Und der wie keiner mich Mit süßen Schauern füllet! …

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Es stand in meinem Hage

Es stand in meinem Hage Ein Eichbaum kronenlos; Von jähem Wetterschlage Zerspalten war sein Schoß. Ihn schmückten keine Blätter, Kein Vöglein kam ihm nah, Er stand in Sonn‘ und Wetter Ein dunkler Riese da. Und sah ich fern ihn ragen, Geschah mir’s wie ein Leid; Ich schaut‘ in ihm zerschlagen Die deutsche Herrlichkeit. Doch als …

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Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus. Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt‘! Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht. …

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Das ist die rechte Ehe

Das ist die rechte Ehe, wo Zweie sich geeint, durch alles Glück und Wehe zu pilgern treu vereint. Der eine Stab des andern, und liebe Last zugleich, gemeinsam Rast und Wandern, und Ziel das Himmelreich.