Friedrich von Hagedorn

Susanna im Bade

Susannens Keuschheit wird von allen hoch gepriesen: Das junge Weib, das jeder artig fand; tat beiden Greisen Widerstand und hat sich keinem hold erwiesen. Ich lobe, was wir von ihr lesen: doch räumen alle Kenner ein; das Wunder würde größer sein, wenn beide Buhler jung gewesen.

Die Küsse

Als sich aus Eigennutz Elisse Dem muntern Coridon ergab, Nahm sie für einen ihrer Küsse Ihm anfangs dreißig Schäfgen ab. Am andern Tag erschien die Stunde, Daß er den Tausch viel besser traf. Sein Mund gewann von ihrem Munde Schon dreißig Küsse für ein Schaf. Der dritte Tag war zu beneiden: Da gab die milde …

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Die Eulen

Der Uhu, der Kauz und zwo Eulen Beklagten erbärmlich ihr Leid: Wir singen; doch heißt es, wir heulen: So grausam belügt uns der Neid. Wir hören der Nachtigall Proben, Und weichen an Stimme nicht ihr. Wir selber, wir müssen uns loben: Es lobt uns ja keiner, als wir.

Der Wettstreit

Mein Mädchen und mein Wein, Die wollen sich entzweyn. Ob ich den Zwist entscheide? Wird noch die Frage seyn. Ich suche mich durch Beyde Im Stillen zu erfreun. Sie gibt mir grössre Freude: Doch öftre giebt der Wein.

Der Morgen

UNS lockt die Morgenröte In Busch und Wald; Wo schon der Hirtenflöte Ins Land erschallt. Die Lerche steigt und schwirret, Von Lust erregt; Die Taube lacht und girret; Die Wachtel schlägt. Die Hügel und die Weide Stehn aufgehellt, Und Fruchtbarkeit und Freude Beblümt das Feld. Der Schmelz der grünen Flächen Glänzt voller Pracht; Und von …

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Der erste May

Der erste Tag im Monat May Ist mir der glücklicste von allen. Dich sah ich, und gestand dir frey, Den ersten Tag im Monat May, Daß die mein Herz ergeben sey. Wenn mein Geständnis dir gefallen; So ist der erste Tag im May Für mich der glücklichste von allen.

Der Tag der Freude

Ergebet euch mit freyem Herzen Der jugendlichen Fröhlichkeit: Verschiebet nicht das süsse Scherzen, Ihr Freunde, bis ihr älter seyd. Euch lockt die Regung holder Triebe; Dieß soll ein Tag der Wollust seyn: Auf ! ladet hier den Gott der Liebe, Auf ! ladet hier die Freuden ein. Umkränzt mit Rosen eure Scheitel (Noch stehen euch …

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Das Schäfgen und der Dornstrauch

Ein Schäfgen kroch in dichte Hecken, Dem rauhen Regen zu entgehn. Hier konnt‘ es freilich trocken stehn; Allein die Wolle blieb ihm stecken.                            * Beglückt ist, den dieß Schaf belehrt, Bethörte Had’rer, lasst euch rathen. Vertraut die Wolle nicht den scharfen Advocaten. Oft ist, was ihr gewinnt, nicht halb der Kosten werth.

Bei einem Carneval

Das Spiel der Welt besteht aus Mummereien: Ein Hofmann schleicht in priesterlicher Tracht; Als Nonne winkt die Nymphe Schmeicheleien; Ein Wuchrer stutzt in eines Sultans Pracht; Der falsche Phrax erscheint im Schäferkleide; Als Bäurin stampft die zarte Flavia; Verblendend glänzt im stolzen Erbgeschmeide Atossa selbst, der Läufer Zulica; Als Fledermaus läßt Phryne sich nicht nennen, …

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Anacreon

In Tejos und in Samos Und in der Stadt Minervens Sang ich von Wein und Liebe, Von Rosen und vom Frühling, Von Freundschaft und von Tänzen; Doch höhnt ich nicht die Götter, Auch nicht der Götter Diener, Auch nicht der Götter Tempel; Wie hieß ich sonst der Weise? Ihr Dichter voller Jugend, Wollt ihr bei …

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