Johann Gottfried Herder

Lilie und Rose

Lilie der Unschuld und Lilie der Rose, Wie zwei schöne Schwestern steht Ihr beieinander: Beide wie verschieden! Du, der Unschuld Blume, bist dir selbst die Krone Ohne Schmuck der Blättern auf dem nackten Zweige, Schützest du dich selber. Du, von Amors Blute tief durchdrungne Rose, Du, von seinen Pfeilen vielgetroffner Busen, Brauchest um Dich Dornen.

Unser Leben

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben auf Erden hier. Wie Schatten auf den Wogen schweben und schwinden wir. Und messen unsre trägen Tritte nach Raum und Zeit und sind – und wissen’s nicht – in Mitte der Ewigkeit . . .

Der Augenblick

Warum denn währt des Lebens Glück Nur einen Augenblick? Die zarteste der Freuden Stirbt wie der Schmetterling, Der, hangend an der Blume, Verging, verging. Wir ahnen, wir genießen kaum Des Lebens kurzen Traum. Nur im unsel’gen Leiden Wird unser Herzeleid In einer bangen Stunde Zur Ewigkeit.

Erlkönigs Tochter

Herr Oluf reitet spät und weit, Zu bieten auf seine Hochzeitsleut; Da tanzen die Elfen auf grünem Land, Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand. „Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier? Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.“ „Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag, Frühmorgen ist mein Hochzeittag.“ Hör an, Herr …

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