Johann Wolfgang Goethe

Zum Geburtstage

Dem schönen Tag sei es geschrieben! Oft glänze dir sein heiteres Licht. Uns hörest du nicht auf zu lieben, Doch bitten wir: Vergiß uns nicht.

Wer nie sein Brot mit Tränen aß

Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummer vollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte! Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein: Den alle Schuld rächt sich auf Erden.

Trinkspruch an das Brautpaar

Ihr seid nun eins, ihr beide, und wir sind mit euch eins. Trinkt auf der Freude Dauer ein Glas des guten Weins! Und bleibt zu allen Zeiten einander zugekehrt, durch Streit und Zwietracht werde nie euer Bund gestört.

Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus Mit Wolkendunst! Und übe, Knaben gleich Der Diesteln köpft, An Eichen dich und Bergeshöhn! Musst mir meine Erde Doch lassen stehn. Und meine Hütte Die du nicht gebaut, Und meinen Herd, Um dessen Glut, Du mich beneidest. Ich kenne nichts Ärmer’s Unter der Sonn‘ als euch Götter. Ihr nähret kümmerlich Von …

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Vom Eise befreit (Aus dem Osterspaziergang, Faust I)

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter in seiner Schwäche Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er fliehend nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes, Uberall regt sich Bildung …

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Nähe des Geliebten

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer Vom Meere strahlt; Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer In Quellen malt. Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege Der Staub sich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege Der Wandrer bebt. Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen Die Welle …

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März

Es ist ein Schnee gefallen, Denn es ist noch nicht Zeit, Daß von den Blümlein allen, Daß von den Blümlein allen Wir werden hoch erfreut. Der Sonnenblick betrüget Mit mildem, falschem Schein, Die Schwalbe selber lüget, Die Schwalbe selber lüget, Warum? Sie kommt allein! Sollt ich mich einzeln freuen, Wenn auch der Frühling nah? Doch …

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Lesebuch

Wunderlichstes Buch der Bücher ist das Buch der Liebe; aufmerksam hab‘ ich’s gelesen: wenig Blätter Freuden, ganze Hefte Leiden; einen Abschnitt macht die Trennung. Wiedersehn! Ein klein Kapitel, Fragmentarisch, Bände Kummers, mit Erklärungen verlängert, endlos, ohne Maß. O Nisami! – doch am Ende hast den rechten Weg gefunden; Unauflösliches, wer löst es? Liebende sich wieder …

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Kenner und Künstler

Kenner. Gut brav mein Herr! Allein Die linke Seite Nicht ganz gleich der rechten! Hier zuckts ein wenig! Und die Lippe nicht ganz Natur, Zu todt noch alles. Künstler. O rathet! helft mir! Daß ich mich vollende! Wo ist der Urquell der Natur Daraus ich schöpfend Himmel fühl und Leben In die Fingerspitzen hervor! Daß …

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Herbstgefühl

Fetter grüne, du Laub, Am Rebengeländer Hier mein Fenster herauf! Gedrängter quellet, Zwillingsbeeren, und reifet Schneller und glänzend voller! Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick; euch umsäuselt Des holden Himmels Fruchtende Fülle; Euch kühlet des Mondes Freundlicher Zauberhauch, Und euch betauen, ach! Aus diesen Augen Der ewig belebenden Liebe Vollschwellende Thränen.

Heideröslein

Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, war so jung und morgenschön, lief er schnell, es nah zu sehn, sah’s mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden. Knabe sprach: Ich breche dich, Röslein auf der Heiden! Röslein sprach: Ich steche dich, daß du ewig denkst an mich, und …

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Hatem

Nicht Gelegenheit macht Diebe, sie ist selbst der größte Dieb, denn sie stahl den Rest der Liebe Die mir noch im Herzen blieb. Dir hat sie ihn übergeben Meines Lebens Vollgewinn, Daß ich nun, verarmt, mein Leben Nur von Dir gewärtig bin. Doch ich fühle schon Erbarmen Im Carfunkel deines Blicks Und erfreu‘ in deinen …

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Gingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten Meinem Garten anvertraut, Gibt geheimen Sinn zu kosten, Wie’s den Wissenden erbaut. Ist es ein lebendig Wesen, Das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, Daß man sie als eines kennt? Solche Frage zu erwidern, Fand ich wohl den rechten Sinn; Fühlst du nicht an …

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Gefunden

Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn. Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön. Ich wollt es brechen, Da sagt` es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen sein? Ich grub‘ s mit allen Den Würzlein aus. Zum Garten trug ich’s …

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Eigenthum

Ich weiß, das mir nichts angehört, Als der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen, Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein liebendes Geschick Von Grundaus läßt genießen.

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.- Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?- Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron and Schweif?- Mein Sohn, es …

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Das Göttliche

Edel sei der Mensch Hilfreich und gut! Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen. Heil den unbekannten Höhern Wesen Die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch! Sein Beispiel lehr uns Jene glauben. Denn unfühlend Ist die Natur: Es leuchtet die Sonne Über Bös und Gute Und dem Verbrecher Glänzen wie dem …

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Das Alter

Das Alter ist ein höflich Mann: Einmal übers andre klopft er an; Aber nun sagt niemand: Herein! Und vor der Türe will er nicht sein. Da klinkt er auf, tritt ein so schnell, Und nun heißt’s, er sei ein grober Gesell.