Justinus Kerner

Zur Ruh, zur Ruh

Zur Ruh, zur Ruh, Ihr müden Glieder! Schließt fest euch zu, Ihr Augenlider! Ich bin allein, Fort ist der Erde, Nacht muß sein, Daß Licht mir werde. O führt mich ganz, Ihr innern Mächte! Hin zu dem Glanz Der tiefsten Nächte. Fort aus dem Raum Der Erdenschmerzen Durch Nacht und Traum Zum Mutterherzen.

Weinsberger Weiberlist

»Des Zuzugs Trommeln schallen, Weib! meinen Heckerhut! Und sollt ich heut noch fallen, Blut muß ich trinken, Blut!« »Blut?« spricht das Weib, »hast Fieber! So darfst du nicht von Haus! Trink, eh du Blut trinkst, lieber Dies volle Schnapsglas aus!« Er trank, was sie ihm reichte, Sprach dann: »Mir wird so dumm!« Er gähnte und …

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Stille Liebe

Könnt‘ ich dich in Liedern preisen, Säng‘ ich dir das längste Lied, Ja, ich würd‘ in allen Weisen Dich zu singen nimmer müd. Doch was immer mich betrübte, Ist, daß ich nur immer stumm Tragen kann dich, Herzgeliebte! In des Busens Heiligtum. Und daß du, was laut ich sage Oder preis‘ in Sangeslust, Meinest, daß …

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Kein Geburtstag an sie

Wann du geboren, weiß ich nicht, will’s wissen nicht, wenn ichs auch fände, sei mir ein Kreis, ein ew’ges Licht, wie ohne Anfang, so ohn‘ Ende!

Im Winter

Als meine Freunde, Die Bäume, blühten, Rosen- und Feuer- Lilien glühten, Waren die Menschen All mir bekannt, War mir die Erde Lieb und verwandt. Jetzt wo die Freunde, Die Bäume, gestorben, Jetzt wo die Lieben, Die Blumen, verdorben, Stehen die Menschen Kalt auf dem Schnee, Und was sie treiben Macht mir nur weh.

Der Kinder Angebinde

Ein Band wir, Mutter! bringen, Das reichet Liebe dar, Das soll dich fest umschlingen Am Tag, der dich gebar. Von Gold ist’s keine Kette, Kein Stoff aus fremdem Land, Es ist an ihrer Stätte Ein festgewobnes Band. Wohl rührt, befreit vom Harme, Dein Herz darunter sich. Sieh! deiner Kinder Arme Umschlingen, Mutter, dich!

Der Zopf im Kopf

Einst hat man das Haar frisiert, Hat’s gepudert und geschmiert, Daß es stattlich glänze, Steif die Stirn begrenze. Nun läßt schlicht man wohl das Haar, Doch dafür wird wunderbar Das Gehirn frisieret, Meisterlich dressieret. Auf dem Kopfe die Frisur, Ist sie gleich Unnatur, Schien mir noch passabel, Nicht so miserabel, Als jetzt im Gehirn der …

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Der Einsame

Wohl gehest du an Liebeshand, Ein übersel’ger Mann; Ich geh‘ allein, doch mit mir geht, Was mich beglücken kann. Es ist des Himmels heilig Blau, Der Auen Blumenpracht, Einsamer Nachtigallen Schlag In alter Wälder Nacht. Es ist der Wolke stiller Lauf, Lebend’ger Wasser Zug, Der grünen Saaten wogend Meer Und leichter Vögel Flug. Du ruhst …

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Ärztliche Runde

Geh ich in der Mitternacht Durch der Häuser enge Reihn Hin, wo noch ein Kranker wacht Bei der Lampe mattem Schein, Blick ich an die Fenster oft, Hinter denen fruchtlos ich Auf Metall und Kraut gehofft, Lausch ich, und es reget sich. Und es kommt herab im Haus, Als hätt‘ ich geklopfet an – Ein …

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