Li Bo

Spiegelbild

Mir wuchs es überlang, Des Grames graues Haar. Weiß nicht, wie Herbstreif kam In meinem Spiegel klar.

Selbstvergessenheit

Der Strom – floß, Der Mond vergoß, Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß Mich selbst, als ich so saß Beim Weine. Die Vögel waren weit, Das Leid war weit Und Menschen gab es keine.

Selbstvergessenheit

ICH saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln, Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten. Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln – Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten.

Nachtgedanken

Vor meinem Bette das Mondlicht ist so weiß, Daß ich vermeinte, es sei Reif gefallen. Das Haupt erhoben schau ich auf zum Monde, Das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfs.

Leuchtkäfer

Schlägt Regen auf dein Licht, er kanns nicht löschen, Bläst Wind auf deinen Glanz, wird er nur reiner, Und flögest du empor in Himmelsferne, Dem Monde nah wärst du der Sterne einer.

Grüne Wasser

Herbstlich helles Leuchten überm See. Einer treibt dahin, sich Schwanenlaub zu brechen. Lotos lächeln, möchten mit ihm sprechen – Dem im Boote bricht das Herz vor Weh.

Die Ferne Laute

Eines Abends hört‘ ich im dunkeln Wind eine ferne Laute ins Herz mir dringen. Und ich nahm die meine im dunkeln Wind, die sollte der andern Antwort singen. Seitdem hören nachts die Vögel im Wind manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen. Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen, aber die Menschen verstanden mich nicht. …

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Der Eifersüchtige

Der Perlenvorhang rollte auf, die Schöne Erhob die Brauen, weich wie Faltenhaar. Wohl konnte ich die Spur von Tränen schauen, Doch nicht erraten, wem sie böse war.

Der Silberreiher

Im Herbst kreist einsam überm grauen Weiher Von Schnee bereift ein alter Silberreiher. Ich stehe einsam an des Weihers Strand, Die Hand am Blick, und äuge stumm ins Land.

Bootfahrt auf dem Dung-ting-See

Nach Westen weite Sicht, der Dung-ting-See:   ein Strom, der ihm entfließt. Blick südwärts, ob du, wo das Wasser endet,   am Himmel eine Wolke siehst! Die Sonne sinkt. Herbstliche Farben fern   und Tschang-scha’s Mauern. O edle Hsiang, wüßt ich die Stelle doch,   dich zu betrauern!

An einem Sommertag im Gebirge

LANGSAM beweg‘ ich den Fächer aus weißen Federn, Mit offnem Gewand sitz‘ ich im grünen Gehölz, Entferne die Mütze, häng‘ an den moosigen Stein sie, Und über mein bloßes Haupt fährt kühlend der Kiefernwind.

Am Berge Ging-Ting-Schan

Da flogen Vögel hoch am Himmel und flogen fort. Da zog eine Wolke still und einsam zum fernen Ort. Da waren wir beide allein und sahen einander an, Und wurden nicht müd dabei: ich und der Ging-ting-schan.

Allein auf dem Djing-ting-Berg

Ein Schwarm von Vögeln, hohen Flugs entschwunden. Verwaiste Wolke, die gemach entwich. Wir beide haben keinen Überdruß empfunden, einander anzusehn, der Berg und ich.