Niklas Götz

Luftloch

Noch eh ich fand ganz zu mir selbst
War mir das Spiegelbild schon überdrüssig
Langweilte mich doch das unzähmbare, immer gleiche
Innere des geistigen Vogelkäfigs
Die Flucht hinein sollte stellen die Weiche
Eröffnen mir neue, ungeahnte Reiche
Doch waren alles nur fade Schatten

Einmal öffnete sich die Tür in Wortes Schwallen
Welche vom Papier her wiederhallen
Erlebte kurzen Flug und stürzte ab
Zog mich doch der Sätze Unvollkommenheit hinab
Und spürte ich im Herzen tief in ihnen bloß
Meines eignen wohlbekannten Geistes Gedankensoß‘
Der ich doch bin schon lange satt

Flog erneut auf Flügeln des tiefsten Sinns
Mit der Faust stützend am Rande des Kinns
Dachte nach über das Kleinste und Größte
Erhob mich so selbst über das Höchste
Wollte erreichen mich im Höhenflug zu verlieren
Doch stürzte ab in langen Schlieren
Denn gelingt dies keinem Sterblichen

Wollte bändigen die mir zugewandte Welt
Welche man unter die Axiome stellt
Sie zu beherrschen und verstehen
Dazu muss man nur der Formeln Wege gehen
Doch wehe dem der sie zu tief anblickt
Dass er nicht vor Medusas Blick erschrickt
Sie sind doch nur Schall und Rauch

Erst in dir fand ich was ich suchte
Fand Geheimnisse ohne Lüge
Schöne Bilder ohne Trüge
Konnte fliegen ohne zu zergehen
Mich verlieren und doch fest vor dir stehen
Und kein Schluck stillt meinen Durst danach

Nur hats einen Haken, der machts schwer
Wünsch ich mir doch einen Flug ohne Wiederkehr
Ich muss ganz bei dir weilen
Trennen uns auch tausend Meilen
Bin verwöhnt von deinen zarten Küssen
Möcht sie nicht mehr missen müssen
Verdarben sie mich doch ein wenig für alles mindere

Manche Zeiten gibt sichs auch
Dass ich stundenlanger Mühen brauch
Ehe mein von Tristesse geplagtes Herz
Sich wirklich öffnen mag für der Liebe wonnevoller Schmerz
Seine Widerspenstigkeit ist mir ein Mysterium
Und drum bitt ich dich um Entschuldigung
Wenn sich mir nicht entlocken jene Worte
Die gelten, ohne sie auszusprechen, gestern,
heute, morgen, immerfort
Selbst wenn mein Herz mich nicht auf ihnen fliegen
Und in ihnen versinken lassen mag
Genieß ich doch das tiefe Wissen
Dich zu lieben

Und selbst wenn ich versäume es erklingen zu lassen
Flieg du für mich auf den Flügeln der Gewissheit
Ich liebe dich.

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