Niklas Götz

Zulenkung

Aus der grellen Bilderapp da winkt ein Beitrag frech heraus.
Er erinnert mich mit stolzer Weisheit pflichtbewusst daran
Dass ja “nur wer immer alles gibt sein Ziel erreichen kann”
Und geheime Toilettendaddler arm und einsam sterben
Oder gar zu Kunden dieser ominösen Seiten werden.
Solch Gedanken sind mir, wenn auch wohl bekannt, ein bitterer Graus!

Wer will sich von blinkender Zerstreuung schon versklaven lassen,
Nach Verwirrung ohne Ende lechzen und nichts anderes kennen
Als niemals rasten, ewig rennen, im Bilderschwalle Zeit verbrennen?
Einem Hammer gleicht mein Geist, keiner Leinwand, ich will lenken,
Deshalb möchte ich mit festem Griff beherrschen mein Denken.
Rasch werf ich hinweg das Füllhorn fremder Ideen, um eigene zu fassen.

Frisch setz ich mich wieder an den Schreibtisch, auf ihm endlose Daten.
Artig mach ich mich ans Werk, produktiv, nützlich, nett zu sein,
Tippe wild und blind die leeren Zeichen ins Lichtpapier hinein,
Lass nicht locker, will beweisen: unermüdlich ist meine Hand.
Wie der Reiter zähmt sein Pferd, so führe ich den hektischen Verstand.
Sinn und Nutzen stiften seine Werke meinen Tagen und Taten.

Wenn du mehr sein willst als eine von tausend stummen Tippmaschinen
Musst du mehr vollbringen als jedes Tarifgespenst im Großraumbüro.
Denn wer folgt hat auch Erfolg, was sonst macht einen denn noch froh?
Ich will niemals still stehen und häng mich täglich heftig rein
Das beste Zahnrad im glühenden Profitgetriebe will ich sein,
Bis sich alles um mich dreht und alle anderen mir dienen.

Fleißig brummt das Handy im Hintergrund, die Verführung ist präsent,
Doch ich bleibe eisern bei der Stange, gönn mir keine Auszeiten.
Ich quäle mich durch jedes Formular, statt schnell mal rumzuswipen,
Wissend, dass Aufschiebung letztlich doch nur wieder zum Schuften führt
Und dass man nur nach getaner Arbeit letzlich Erlösung verspürt
Wenn am Abend endlich die Finger ruhen und das Hirn wegpennt.

Fast ein kleiner Haufen ist bald schon getan nach etwas Plagen,
Bin wohlig warm erfüllt vom guten Gefühl, dass meine knappen Stunden
Nicht in schlaffer Muse sondern hartem Schuften sind entschwunden.
Als Held der Arbeit, jeder Faulheit erhaben, entspann ich meine Glieder,
Falle in den Stuhl und schöpfe Kraft und lege die Stifte nieder
Um mich zu belohnen und bald mit doppeltem Eifer zuzuschlagen.

Bald schon rennen mir hinfort die rastlos-suchenden Gedanken,
Kreisen umher wie verschreckte Vögel, leicht und flüchtig wie Luft
Nicht zu fassen, kaum zu kriegen, denn beim Anblick sind sie schon verpufft.
Ratten jag ich blutverschmiert durchs Unterholz aus Schall und Schatten
Doch die wahre Beute, die bin ich, schon ging es vonstatten
Dass ich E-Mails checkend in die Falle tappe, in Schlingen von Blumenranken.

Kaum noch wehre ich mich, entflieh dem engen Griff der Gedankenmühlen.
Mein Geist will sich nicht vor fremder Herren Wagen spannen lassen,
Weigert sich vehement, seine eigene Unstetigkeit zu hassen
Und verfällt dem giftig-süßen Nektar von unzähligen Reizen
Welche ihn in Bilderstürme locken um ihn zu verheizen,
Sanft erstickt von angenehmen Lügen und künstlichen Gefühlen.

Traumwelten sind das Ziel der Flucht hinaus dem Reich der Uhr.
Ich such Oasen in der Wüste der Produktivität.
Trunken macht die Muse mich, nach kurzer Pause ist es schon zu spät –
Wo auch immer mein Hirn der Boden ist, nicht Pflug, dort will es sein,
Stopft sich deshalb Tonnen leeren Inhalts freudig glucksend hinein.
Sind die Zügel locker einmal nur, da verlässt es schon die Spur!

Der Körper sitzt hier im Büro, im Dienste von Konglomeraten,
Doch alle Fesseln sind gelöst, der Geist fliegt durch die Lichterwelt.
Wie die Nacht durch Sternenglitzern wird sie von Geschichten erhellt.
Jede hilft der Flucht, führt auf neue Pfade mit ihrem Bilderfluss
Damit ich weiter nicht tun muss, was ich will, weil ich es muss.
Eine aber schaut streng, mahnt und richtet über meine Taten:

Aus der grellen Bilderapp da winkt ein Beitrag frech heraus.
Er erinnert mich mit stolzer Weisheit pflichtbewusst daran
Dass ja “nur wer immer alles gibt sein Ziel erreichen kann”
Und geheime Toilettendaddler arm und einsam sterben
Oder gar zu Kunden dieser ominösen Seiten werden.
Solch Gedanken sind mir, wenn auch wohl bekannt, ein bitterer Graus! –
Verdammt, ich muss mal wieder raus

Aus dem Wahn zu erreichen was andere mir zum Ziele setzen.
Aus der Sucht mich zu vergleichen und mich durch den Tag zu hetzen.
Aus der Welt endloser Inspiration die meine Stimme übertönt.
Aus dem Sog von Optimierungsobsession der mein Leben verhöhnt.

Es ist Zeit loszulassen.

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