Erste Stimme
Der Winter steht und hält das Maß,
die Welt wird still, der Atem klar.
Was unnütz war, fällt leis vom Ast,
zur Ruhe kommt, was eilig war.
Die Felder schweigen, weit und rein,
kein Drängen stört den festen Grund.
So darf die Zeit sich selber sein,
im Frost wird alles wahr und rund.
Zweite Stimme
Du nennst das Maß – ich nenn es Starrn.
Was friert, erstarrt auch leicht im Sinn.
Die Welt darf stolpern, lachen, fahrn,
sonst schläft sie sich im Ernst dahin.
Was hilft dir Ordnung ohne Spiel,
was nützt dir Stille ohne Klang?
Ein Winter nur aus Würde kühl
ist lang – und manchmal unerquicklich lang.
Erste Stimme
Das Spiel verdirbt, wo nichts mehr hält,
wo jedes Maß zum Witz zerfällt.
Die Kälte prüft, sie trennt, sie klärt,
bis nur noch bleibt, was wirklich zählt.
Zweite Stimme
Doch wer nur prüft, vergisst zu leben.
Auch Zweifel hat sein gutes Recht.
Man muss dem Eis die Risse geben,
sonst bleibt das Wahre allzu schlicht.
Erste Stimme
Vielleicht bist du der nöt’ge Bruch,
der zeigt, wo Maß zu streng sich schließt.
Zweite Stimme
Und du das ruhige Gesetz,
das mich vor bloßem Lärm behüt’.
Beide
So steht der Winter doppelt da:
als Halt, als Frage, kalt und klar.
Wer Maß und Zweifel halten kann,
tritt reifer in den Frühling an.