Im Juli steht der Morgen früh
zwischen den offenen Fenstern.
Noch ist die Straße kühl,
noch liegt Tau
auf den Blättern des Frauenmantels,
noch trägt die Amsel
den ersten Ton
über die Dächer.
Dann steigt das Licht.
Es legt sich auf Mauern,
auf Linden,
auf das stille Metall der Geländer.
Die Stadt beginnt zu glänzen,
als hätte die Nacht
alles Dunkle zurückgelassen.
Der Juli spricht nicht leise.
Er summt in den Wiesen,
wo Hummeln
über Wiesensalbei taumeln.
Er rauscht im Korn,
das schwerer wird
von Tag zu Tag.
Er knackt im Holz der Zäune,
flimmert über Asphalt,
schlägt aus den Gärten
als Duft von Lavendel,
Minze und warmem Stein.
Mittags hält die Welt den Atem an.
Kein Wind bewegt die Silberweide.
Ein Mäusebussard zieht
seine Kreise
durch den hohen Himmel.
Aus einem offenen Fenster
fällt Musik.
Ein Fahrrad rollt vorbei.
Dann wieder Stille.
Doch selbst die Stille
ist im Juli voller Klang.
Sie trägt das Zirpen der Grillen,
das ferne Rollen eines Gewitters,
das trockene Rascheln
unter den Hecken.
Alles ist Gegenwart.
Die Kirsche in der Hand.
Der Schatten unter der Buche.
Das Wasser,
das über die Finger läuft.
Der Juli fragt nicht,
was bleiben wird.
Er gibt.
Licht ohne Vertrag.
Wärme ohne Versprechen.
Fülle ohne Sicherheit.
Vielleicht liegt darin
seine Wahrheit:
Dass nichts kostbarer ist,
weil es dauert.
Sondern weil es
für einen Augenblick
ganz da ist.
Am Abend wird das Licht
weicher.
Die Häuser werfen lange Schatten.
Über den Gärten
ziehen Schwalben
ihre schnellen Zeichen.
Der Himmel glüht noch,
während auf den Wegen
schon die Dämmerung wächst.
Ein letzter Sonnenstrahl
liegt auf der Krone
einer alten Linde.
Dann sinkt die Wärme
langsam aus den Mauern.
Und wir sitzen
unter dem offenen Himmel,
als könnten wir für einen Abend
vergessen,
dass jede Jahreszeit
schon Abschied nimmt,
während sie beginnt.
Doch der Juli ist nicht traurig.
Er weiß,
dass Vergänglichkeit
kein Einwand gegen das Leben ist.
Sie ist sein Maß.
Darum duftet die Linde.
Darum reift das Korn.
Darum singt die Amsel
noch einmal
in das schwindende Licht.
Und darum bleibt von diesem Tag
mehr als Erinnerung:
ein warmer Atem,
ein ferner Vogelruf,
ein heller Raum
in uns.