Es fließt der Bach, es fällt das Blatt,
der Morgen wird, der Abend matt.
Was gestern war, ist heut schon fern,
und dennoch suchen wir den Kern.
Das Feuer wandelt Holz in Glut,
das Wasser trägt, was ruhen tut.
Die Luft bewegt, die Erde hält –
vier alte Bilder unsrer Welt.
Doch tiefer noch als Stoff und Schein
fragt sich der Mensch: Was heißt denn Sein?
Ist alles Werden nur Verlust,
ist Dauer Trug, Erinnerung Lust?
Heraklit sah im Strom die Zeit,
Parmenides die Ewigkeit.
Der eine sprach: Nichts bleibt bestehn.
Der andre: Sein kann nicht vergehn.
Vielleicht liegt Wahrheit nicht im Streit,
sondern im Maß von Raum und Zeit:
Was sich verwandelt, bleibt im Grund,
was starr verharrt, wird irgendwann wund.
So lehrt der Herbst mit mildem Ernst,
dass du im Scheiden Dauer lernst.
Das Blatt vergeht, der Baum besteht,
doch auch der Baum im Wandel steht.
Der Mensch erkennt sich Stück für Stück,
im klaren Blick, im blinden Glück,
im Denken wie im dunklen Grund,
wo unbewusst sein Wesen kund.
Nicht jedes Bleiben ist Bestand,
nicht jede Änderung Verstand.
Das Gute prüft sich an der Zeit,
das Wahre an Beständigkeit.
Und Freiheit heißt nicht grenzenlos,
nicht Wunsch allein und willenlos.
Sie wächst dort, wo der Mensch erkennt,
dass jede Tat auch Folgen kennt.
So geht die Welt durch Nacht und Licht,
verliert sich ganz und dennoch nicht.
Im Werden liegt kein Widerspruch:
Der Wandel ist des Seins Versuch.
© Timo Ertel, 2026