Timo ERTEL

Vor dem frühen Winter

Der Herbst liegt schwer auf Feld und Wegen.
Die Birken stehen still und fahl,
als hätten sie im matten Schweigen
ihr letztes goldnes Wort vertan.
Ein nasser Wind geht durch die Gärten,
streift Dächer, Zäune, morsches Holz.
Die Erde riecht nach kaltem Regen,
nach Müdigkeit und altem Trotz.
Schon sinkt der Tag vor seiner Stunde.
Das Licht ist schwach, beinah erschreckt.
Als hätte jemand über allem
ein graues Tuch der Zeit gedeckt.
Man möchte sagen: Bleib noch, Sonne.
Bleib noch ein wenig bei der Welt.
Doch selbst im Bitten liegt schon Ahnung,
dass nichts den Abschied wirklich hält.
So wird der Mensch im Herbst sich selber
auf eigne Weise fremd und nah.
Er hört in kahlen Zweigen sprechen,
was lange Zeit verschwiegen war.
Nicht jeder Schmerz verlangt nach Tröstung.
Nicht jede Klage sucht Gehör.
Manches muss still im Innern reifen,
wird schwerer erst — und wahrer mehr.
Und wenn am Abend in den Fenstern
ein spätes, kleines Licht noch steht,
dann nicht, weil schon der Winter weicht,
sondern weil Hoffnung leise lebt.
So ist der Herbst kein bloßes Sterben,
kein Bild aus Gold, das schnell zerfällt.
Er ist die dunkle, ernste Frage,
was von uns bleibt in kühler Welt.

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