Timo ERTEL

Was der Oktober weiß

Die Hagebutte steht am Rain,
vom Morgenregen blank gewaschen;
im Gras liegt eine Kastanie,
noch glatt und braun in grünen Taschen.

Die Rotbuche hält länger fest.
Der Ahorn gibt sein Gelb schon preis.
Am Zaun verblüht die letzte Aster,
und über Wiesen zieht es weiß.

Ein Rotkehlchen prüft kahle Zweige,
als wären sie für ihn gebaut;
der Wind fährt durch die hohen Kronen
und macht das Unsichtbare laut.

Auf feuchtem Boden riecht die Erde
nach Pilzen, Laub und dunklem Holz.
Der Sommer ist noch nicht vergessen,
doch selbst Erinnerung verliert den Stolz.

Am Nachmittag steht tief die Sonne
und hebt für Stunden jedes Rot;
als müsse Schönheit heller werden,
je näher ihr Vergehen droht.

Dann sinkt das Licht. Die Gärten schweigen.
Ein Fenster nach dem andern glüht.
Was draußen langsam kälter wird,
hat drinnen längst ein Licht bemüht.

Vielleicht versteht der Herbst das Leben
genauer, als der Mensch es kann:
Die Buche fragt nicht nach dem Gestern.
Sie gibt dem Wind die Blätter an.

Und nichts daran ist bloß Verlust.
Das welke Blatt wird Grund und Erde.
Was gestern Krone eines Baumes war,
dient morgen anderem zum Werden.

Der Herbst verspricht uns keinen Trost.
Er zeigt nur, was Bestand bedeutet:
Nicht dass ein Ding für immer bleibt —
sondern dass sein Ende weiterarbeitet.

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