Der Herbst zeigt seine Nächte schon,
doch noch trägt Sommer seine Krone;
im Abendrot steht still der Mohn,
als hielte Licht die Zeit zum Lohne.
Die Rotbuche bewahrt ihr Grün,
doch erste Blätter werden müde;
am Feldrand lässt der Rainfarn blühn,
als trotze Gelb der frühen Kühle.
Der Tau liegt schwer im Morgengras,
die Amsel schweigt schon etwas länger;
der Tag verliert von seinem Maß,
die Schatten werden seine Sänger.
Noch summt die Hummel im Lavendel,
noch glüht der Stein vom Mittagslicht;
doch überm abgeernteten Gelände
liegt schon des Jahres Gegengewicht.
So kommt der Herbst nicht mit Gewalt,
er wächst aus Stunden, die verschwinden;
erst wird der Abend früher alt,
dann lernen Blätter loszulassen.
Und was wir Sommer nennen, bleibt
noch eine Weile in den Dingen;
bis Wind die letzte Wärme treibt
und Kraniche nach Süden ziehen.
Der Herbst zeigt seine Nächte schon,
der Sommer schweigt noch nicht davon;
denn jede Jahreszeit beginnt
im leisen Wandel von Licht und Wind.
© Timo Ertel, 2026