Timo ERTEL

Wo der Sommer weiterlebt

Das Licht liegt weicher auf den Stoppelfeldern,
der Rainfarn hält sein spätes Gelb ins Land;
ein kühler Atem kommt aus dunklen Wäldern,
und Tau beschlägt des Morgens Ackerrand.

Die Ähren neigten längst die schweren Köpfe,
der Mohn verlor sein rotes Sommerkleid;
nun füllen Äpfel Körbe, Krüge, Töpfe,
und über allem liegt gereifte Zeit.

Noch wärmt die Sonne Mauern, Stein und Wege,
noch summt die Hummel tief im Wiesensalbei;
doch erste Blätter liegen an der Hecke,
als schriebe dort der Herbst sein Wort: Vorbei.

Doch nichts ist nur vorbei, was sich vollendet.
Das Korn verlässt den Halm und nährt das Leben.
Die Frucht erfüllt sich, indem sie sich verschwendet –
denn Reife heißt, sich weiterzugeben.

Aus Ähren wird das Mehl, aus Mehl wird Brot,
aus Trauben Wein, aus Äpfeln Wintergabe;
der Sommer geht nicht einfach in den Tod –
er bleibt in dem, was ich von ihm noch habe.

Die Schwalben sammeln sich am Scheunendach,
der Abend kommt nun früher auf die Weiden;
ein Mäusebussard zieht dem Feldweg nach,
als könne auch der Himmel Abschied deuten.

Der Herbst entsteht nicht erst im ersten Fallen.
Er wächst bereits im reifen Sommerlicht.
Wo Früchte schwer an ihren Zweigen hangen,
beginnt Verwandlung – aber Ende nicht.

Vielleicht besteht des Jahres tiefstes Wissen
nicht darin, dass alles wiederkehrt.
Vielleicht muss jedes Werden einmal wissen,
wofür es reifte und wem es sich gewährt.

So geht der Sommer leise aus den Tagen
und bleibt doch gegenwärtig, Korn für Korn.
Was wir verlieren, kann uns weitertragen,
wenn aus Vergangenem ein Morgen wird geboren.

© Timo Ertel, 2026

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